Der Fan und der zivilisierte Mensch
Der Fan, ein Mensch in der Fan-Rolle, ist für RealFan ein ganz besonders Gut. Denn die Rolle des Fans ist im Alltag selten geworden - zum Glück. Aber ebenso zum Glück hat der Fan seine feste Verankerung im Spiel behauptet.
Ein Mensch in der Fan-Rolle ist ein Mensch, der absolut parteiisch ist, so dass mit ihm nicht verhandelt werden kann. Als Fan ist ein Mensch dauerhaft gepolt, stur und starrsinnig und bereit, beinahe grenzenlos Energie zur Ehrverteidigung zu investieren. Als Fan ist der Mensch ein Radikaler.
Nicht gerade Tugenden, die die Zivilisation im Alltag fordert; im Gegenteil: die Rolle des Fans ist im Alltag, wo es um Zusammenleben, um Kompromisse und Handel geht, unerwünscht. Wer wollte schon einen parteiischen Lehrer oder Chef; Mitarbeiter, die die Arbeit an gewissen Projekten oder mit gewissen Kunden verweigern; Verkaufspersonal, das sich weigert, gewisse Artikel zu verkaufen; Händler, die keine Kompromisse machen können?
Im Zivilisierten Alltag ist kein Platz für die Fan-Rolle. Denn der zivilisierte Alltag basiert auf Respekt, Dialog und Kompromiss. Gerade diese Tugenden aber müssen dem Fan per se abgesprochen werden. Ein Fan diskutiert und verhandelt nicht über seine Fangefühle, ein Fan hält seine Verehrung ganz alleine für seine Idole auf.
Im Fan zeigt sich also gewissermassen ein Gegenbild zum zivilisierten Menschen: Als Fan lebt der Mensch einen gar animalischen Teil an sich aus. Sieg oder Niederlage, Alles oder Nichts. Dabei stirbt die Hoffnung zu letzt; bis zur letzten Sekunde glaubt der Fan an seine Götter auf dem Grün, glaubt er an das Wunder und ist bereit, dafür all seine Energie zu geben. Und bis zu letzt bleibt er seinen Helden treu und loyal: mit ihnen geht er durch Sieg und Niederlage, mit ihnen feiert oder trauert er.
Nun, was ist denn das Wertvolle an der Fan-Rolle?
Fansein ist etwas Dauerhaftes, Fansein kann sogar Trennungen oder den Schnitt der Migration überleben. Um ein Fan zu sein, muss man keine weiteren Kriterien erfüllen, als ein Fan von genau diesem Team sein zu wollen. Man muss nicht einer bestimmten Nationalität angehören, nicht irgendwo wohnen oder irgendeine Sprache sprechen, man muss keinem Verein angehören, nicht zwischen 26 und 45 Jahre alt sein, noch muss man ein Bankkonto besitzen.
Die Bande des Fans zu seinem Fan-Team ist also beinahe unerschütterlich; der Einzige, der sie lösen kann, ist der Fan selber.
Somit finden viele Leute in ihrem Fansein eine Stabilität, die ihnen das Leben sonst nicht bietet. Für viele ist ihr Fansein die stabilste Beziehung ihres Lebens, und um diese Beziehung herum findet sich für viele auch das stabilste soziale Beziehungsnetz.
Ausserdem kann man im Fansein die im Alltag nicht verbrauchte animalische Energie loswerden. Man kann ein Mal rotzig sein, darf ein Mal schreien, darf Fluchen und mit Lob übertreiben. Gut, dass es dieses Ventil gibt: denn wo würde diese Energie sonst abgelassen?
Der kultivierte Umgang mit der animalischen Energie: die Fankultur
Genau hier springt der Fussball und RealFan ein: Der Umgang mit seiner animalischen Energie ist nicht unproblematisch. Wo ist der Unterschied zwischen Energie ablassen und Gewalt anwenden? Wie kann man diesen Energie-Ablass gewaltfrei gestalten?
Eine Antwort: Fankultur.
Die Fankultur hat ihre eigenen Regeln (Ehrencodex):
a) Körperliche Gewalt ist absolut verboten.
b) Der Fankampf beschränkt sich ausschliesslich auf Fans; er darf nicht auf die Personen dahinter ausgeweitet werden.
c) Deshalb darf nichts, was man als Fan tut, einen anderen Fan als Person bedrohen oder verletzen, sei dies nun physisch oder psychisch (dies schliesst jegliche Art von Rassissmus und Pornographie aus).
d) Solange der Fankampf auf der Fan-Ebene bleibt, darf unzivilisiertes, rüpelhaftes Verhalten gezeigt werden; körperliche Gewalt oder Sachbeschädigungen sind aber in jedem Fall verboten.
e) Der Fankampf zwischen zwei Fans ist sofort beendet, wenn einer der Fans aus der Fan-Rolle zurück in seine Rolle als Privatmensch schlüpft.
Das sind ganz wichtige Spielregeln. Sie lassen einerseits Raum für das Animalische und schützen auf der anderen Seite die Zivilisation. So kann eine Person als Fan animalische Energie loswerden, ist aber als Person vor dieser Energie geschützt. Den Zeitpunkt, wann man Fan oder Person ist, bestimmt man selber. Dafür geht man ins Fussballstadion oder in den Zoo, auf realfan.net bzw. auf wir-haben-uns-alle-lieb.com.
Somit unterliegt der FanKampf klaren und fairen Regeln. Es ist klar definiert, zwischen wem er stattfinden kann und darf (Nur zwischen Fans in der Fan-Rolle). Es ist klar definiert, was erlaubt ist und was nicht (Keine physische Gewalt; keine physische und psychische Gewalt, die die Person hinter dem Fan bedroht oder verletzt). Und es ist klar definiert, wer den Fankampf wann beenden kann (jeder kann ihn immer beenden, indem man aus seiner Fan-Rolle heraus schlüpft).
Der Beitrag von RealFan
Insofern bietet RealFan eine Spielwiese, um sich als Fan auszutoben. RealFan unterstützt die Begegnung unterschiedlicher Fans als Fans.
Gerade das Medium Internet hilft dabei bei diesem Rollenspiel: auf dem Bildschirm der Fan, davor die Person. Gerade diese Klarheit der Rollentrennung hilft dabei, diese Rollen auch im Alltag oder im/vor dem Fussballstadion getrennt zu halten.
Denn ist man sich seiner Parteiigkeit als Fan bewusst, kann man den Unterschied zwischen Fan und Person auch bei anderen besser sehen und ist somit den Personen hinter ihren Fan-Rollen näher. Dies hilft, andere, trotz ihres Anders-Seins, besser zu verstehen und zu achten. Wir glauben gar, dass das exzessive Ausleben der Fan-Rolle helfen kann, selber eine gewisse Distanz zur eigenen Parteiigkeit einzunehmen. Hoffentlich führt dies dazu, dass man auch mal über seine eigenen Auswüchse des Fan-Stolzes schmunzeln kann...
Wir denken, dass dies der Toleranz und Friedfertigkeit im Alltag der Personen nur dienlich ist.
Ein Schritt weiter mit dem RealFan-Life-Turnier
Mit dem Life-Fan-Turnier geht RealFan.net sogar noch einen Schritt weiter: es ermöglicht das reale Zusammentreffen verschiedener Fan-Nationen dort, wo sie auch ihren Alltag verbringen. Damit möchte RealFan.net aktiv helfen, dass zwischen unterschiedlichen Bevölkerungs-Gruppen vermehrt Kontakte auf der Basis von Respekt und Fairness geknüpft werden.
Fussball ist wunderschön: Er lässt uns zusammen ein gewaltiges Fest an Emotionen erleben. Er lehrt uns Sieg und Niederlage - und vereint uns doch alle als Fans, als Menschen mit Vorlieben und Meinungen, die nicht immer nur zivilisiert Dasitzen und das Maul halten können... Mit Fussball feiern Fussball Fans das Leben: ohne die anderen Fans wäre das Ganze ja nicht halb so lustig.
Wer an solchen Gedankengängen Freude hat, ist eingeladen im folgenden Artikel noch tiefer unter den Rasen zu gehen: Was ist denn ein Fano? (coming soon!)
RealFan or Fano?